Expressive Photography

31.07.2026

Ein Bild oder zehn?

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„Normalize posting one photo at a time." Der Trend zieht gerade durch Instagram, und irgendwas in mir sagte sofort: Jain. Nicht, weil ich den Impuls falsch finde – ich hab selbst mitgemacht. Sondern weil er das Problem am falschen Ende packt. Ein Text darüber, warum sich nicht die Plattform geändert hat, sondern unsere Absicht. Und warum am Ende nicht der Trend entscheidet, wie viele Bilder ein Post hat, sondern das Werk selbst.

Menschen mit Handy an einem sonnigen Tag

Gesehen hab ich's zum ersten Mal bei einem der großen Accounts. Ein Bild, Text drauf: „Normalize posting one photo at a time." Darunter hunderte Kommentare, alle in dieselbe Richtung – wie schön es doch wäre, das alte Instagram zurückzuhaben.

Und ich saß da und dachte: Jain.

Nicht, weil ich es nicht auch will. Ich will es auch. Ich glaube nur nicht, dass es funktioniert.

Was wir eigentlich zurückwollen

Denk mal daran, was Instagram am Anfang war. Neu. Spannend. Und die Absicht hinter jedem Post war eigentlich nur eine: Interaktion. „Oh, das ist tolles Essen." „Schönes Urlaubsbild." Es ging nicht um Reichweite, es ging um die schlichte Möglichkeit, über Bilder miteinander zu reden und dabei Leute kennenzulernen. Das Bild war der Gesprächsanfang, nicht das Produkt.

Heute öffnen wir dieselbe App mit einer völlig anderen Absicht. Und das erklärt für mich ziemlich genau, warum Einzelbilder oft so wenig Kommentare bekommen. Nicht, weil sie schlechter sind. Sondern weil niemand mehr in der Erwartung scrollt, ein Gespräch anzufangen.

Es hat sich nicht die Plattform geändert. Es hat sich geändert, warum wir sie öffnen.

Der Algorithmus lernt nicht von mir

Das hat mich dann auf mich selbst zurückgeworfen. Warum nutze ich Instagram eigentlich? Und warum so, wie ich es tue?

Ich bin für mich auf eine Antwort gekommen, die ein bisschen unbequem ist: Ich richte mich gar nicht nach der Plattform. Ich richte mich nach der Audience. Der Algorithmus hat ja keinen eigenen Geschmack, der irgendwas von mir will. Er lernt von den Leuten. Er zeigt, was der Audience gefallen könnte. Wenn ich also über „den Algorithmus" fluche, fluche ich eigentlich über eine Erwartungshaltung von Menschen.

Bevor wir fordern, dass Instagram wieder wird wie früher, müssten wir also selbst wieder werden wie früher. In der Art, wie wir schauen. Länger bei einem Bild bleiben, statt weiterzuwischen. Etwas dazu sagen, statt nur zu liken.

Und ganz nebenbei: Ist dir aufgefallen, dass „Normalize posting one photo" selbst ein Trend ist? Mit Hashtag, mit Reichweite, mit dem leisen Kalkül, dass Anti-Strategie gerade gut performt. Das ist keine Kritik an den Leuten, die mitmachen – ich war einer davon. Es zeigt nur, wie tief wir drinstecken. Selbst unser Wunsch nach Leichtigkeit wird zum Format.

Ein Ort, an dem niemand zählt

Ich lade meine Bilder auch bei Foto (fotoapp.co) hoch. Die App macht ziemlich konsequent das Gegenteil von Instagram: kein Algorithmus, keine Werbung, keine Reels. Meine Follower- und Like-Zahlen sieht außer mir niemand. Bilder werden nicht zwangsbeschnitten, sondern so gezeigt, wie ich sie gebaut habe. Gefunden wird über Stichwörter und Tags – also weil jemand etwas sucht, nicht weil ihm etwas vorgesetzt wird. Das Bild steht im Mittelpunkt, nicht der Lärm drumherum.

Und jetzt kommt das Unbequeme: Ich bin trotzdem selten dort.

Nicht, weil die App schlecht wäre. Sondern weil mir Instagram besser gefällt und weil meine Zielgruppe dort einfach stärker vertreten ist. Ich hab also genau den Ort, den sich alle in den Kommentaren wünschen – und gehe kaum hin. Weil eben nicht die Plattform entscheidet, wo ich bin. Die Audience entscheidet.

Was mir bei Foto trotzdem fehlt, ist etwas ganz anderes: Serien. Die reinste Plattform kann ausgerechnet nicht das, was manche meiner Arbeiten brauchen. Und das hat bei mir eine Frage aufgemacht, die viel größer ist als Instagram.

Das Werk entscheidet

Denn am Ende entscheide nicht ich, ob etwas ein Einzelbild ist. Ein Trend schon gar nicht. Das Werk entscheidet.

Manche Momente sind komplett in einem einzigen Frame. Alles gesagt, nichts hinzuzufügen. Andere Geschichten entfalten sich erst über mehrere Bilder – eine Serie, die man in Ruhe durchgeht, Bild für Bild, wie die Seiten eines kleinen Buches. Und manchmal ist ein Einzelbild für ein Werk einfach zu wenig: In einer Serie kann ich auch den Prozess zeigen, den Weg dahin, nicht nur das Ergebnis.

Dazwischen liegt eine Gestaltungsebene, die ich richtig spannend finde: bewusst nur ein Bild aus einer Serie zu nehmen. Um Fragen offen zu lassen. Der Betrachter bekommt ein Fragment und muss den Rest selbst denken. Das Einzelbild ist dann keine Notlösung, sondern eine Entscheidung.

Serien nehmen mir den Druck

Wenn ich ehrlich bin, schlägt mein Herz für Serien. Vor allem, wenn sie wirklich zusammenhängen. „Ein Tag in …" lässt mich eintauchen, viel tiefer als jedes noch so starke Einzelbild. Auch thematisch kuratierte Serien liebe ich, egal ob sie zeitlich oder inhaltlich zusammengehören. Und manchmal taucht ein Werk, das eigentlich für sich steht, trotzdem in einer Serie auf, weil es einfach zum Kontext passt.

Aber da ist noch etwas, ganz für mich als Künstler: Eine Serie nimmt den Druck von einem einzelnen Bild. Ein Einzelbild muss alles erzählen. In einer Serie dürfen die Bilder sich gegenseitig tragen. Das macht mich freier. Es erlaubt mir auch, schwächere Bilder zu zeigen – weil sie in der Serie wirken und sie manchmal sogar komplettieren.

Und dann ist da noch die Realität

Jetzt könnte ich so tun, als würde ich immer nur dem Werk folgen. Stimmt aber nicht. Auf Instagram poste ich Serien auch, weil die Plattform sie belohnt. Bildserien bringen mehr Reichweite, und Serien mit Text drauf laufen gerade nochmal stabiler. Besonders, wenn das Warum und das Wie beschrieben wird, bekommt so ein Post einen deutlichen Push.

Mein größtes Learning daraus heißt Separation. Das Werk entsteht so, wie es entstehen will, nach seiner eigenen Logik. Wie ich es dann auf Instagram zeige, ist eine zweite, pragmatische Entscheidung. Zwei getrennte Sachen, zwei getrennte Absichten. Das fühlt sich gerade richtig gut an, auch weil es mir erlaubt, die Plattform präziser zu nutzen, statt mich von ihr formen zu lassen.

Ein Bild ist kein Gesprächsanfang

Und damit sind wir wieder da, wo Instagram mal angefangen hat.

Ein Einzelbild sagt: Schau hin. Eine Serie sagt: Bleib hier. Eine Serie mit Text sagt: Lass uns reden.

Genau genommen ist das nicht mal Strategie, das ist einfach, wie Menschen funktionieren. Du fängst ein Gespräch ja auch nicht damit an, dass du einem Wildfremden ein Bild vor die Nase hältst. Klar wird er schauen, mal kurz, mal lang – und dann weitergehen. Wenn du ihn aber ansprichst, wird daraus vielleicht eine Unterhaltung.

Ein Bild, wenn das Werk ein Bild ist. Eine Serie, wenn es eine Serie ist. Und die Ehrlichkeit, den Unterschied zwischen Werk und Plattform zu kennen. Mehr braucht es eigentlich nicht.

Und wie ist es bei dir? Postest du, was das Werk verlangt – oder was der Feed belohnt? Ich glaube, die meisten von uns machen beides und geben nur eins davon zu.

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