Schwarzweiß tut nicht weh: Was meine Challenge über mich selbst verraten hat
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Ich liebe Schwarzweiß-Fotografie. Anschauen, meine ich. Selbst so zu fotografieren, davor hab ich mich jahrelang gedrückt. Der Grund dafür hat am Ende mehr über mich verraten als über die Fotografie. Ein ehrlicher Post über eine Challenge, über Licht und über Portraits und über ein Eingeständnis.
Bewegung zwischen Abfall
Schwarz-weiß Fotografie und ich sind eigentlich keine Freunde. Dabei meine ich keineswegs, dass ich sie nicht mag. Ich liebe schwarz-weiß Fotografie. Ich liebe es sie anzuschauen und das war es dann eigentlich auch schon. Es gibt so viele grandiose schwarz-weiß Bilder und das nicht nur von den alten Meistern, aus einer Zeit wo Farbfotografie noch nicht möglich war.
Mein Problem mit Schwarzweiß fotografie ist extrem persönlich. „Nehm ein Farbbild, mach es Schwarzweiß und zack haste Kunst“, ein provokantes Statement welches ich allzugern, mit einem Lächeln auf dem Gesicht und natürlich nicht ganz ernst gemeint, raus haue. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt hab, was ich damit eigentlich meine. Spoiler: es hat nur mit mir zu tun.
Was mich wirklich abhält
Schwarzweiß fällt mir leicht. Und alles, was mir leicht fällt, macht mich misstrauisch. Das ist kein Fotografie-Ding. Das zieht sich durch mein ganzes Leben. Wenn ich von einem Walk oder Workshop zurückkomme und alle waren happy, alles lief im Flow, dann sitze ich abends da und denke: War das jetzt zu einfach? Hab ich wirklich alles vermittelt? Hab ich alles gegeben? Hab ich mit jedem gesprochen, oder nur mit denen, die von selbst auf mich zugekommen sind? Sobald sich Arbeit nach Spaß anfühlt, fange ich an, an mir zu zweifeln. Als müsste es wehtun, damit es zählt.
Und Schwarzweiß tut nicht weh. Ich stelle die Kamera um, und plötzlich funktioniert vieles. Kein Ringen, kein Abwägen. Es sieht einfach gut aus. Genau da werde ich unsicher. Lange hab ich mir eingeredet, es wäre was anderes. Zu harte Kontraste. Oder das Gegenteil, zu viel Matsch, zu viele Grautöne. Stimmt ja auch, manchmal. Aber das wäre viel zu einfach.
Farbe fällt mir schwerer und ist mehr Arbeit.
Wenn ich in Farbe fotografiere, fühle ich mich gefordert. Die Farben müssen stimmig sein, die Kontraste passen, Farbharmonie will bedacht werden. Farbe hat mehr Interpretationsspielraum. Farbe löst Gefühle aus, sie leitet das Auge, sie kann ein Bild kippen lassen. Bei Portraits muss ich Absprachen zur Kleidung deutlich präziser treffen. Das ist alles echte Arbeit. Schwarzweiß nimmt mir das teilweise weg. Keine Harmonie zu bauen, keine Absprache zu treffen, nichts abzuwägen, macht es deutlich einfacherer. Übrig bleibt eine einzige Frage: Hast du gesehen oder nicht?
Und dann sind da noch die Fußabdrücke
Cartier-Bresson, Vivian Maier und viele weitere. Die Fußabdrücke sind mir schlicht zu groß. Wobei, das Verrückte ist ja: Die hatten gar keine Wahl. Für die war Schwarzweiß keine Entscheidung, sondern einfach der Film, der in der Kamera lag. Was von ihnen bleibt, ist nicht die Arbeit am Bild. Es ist das Sehen.
Vielleicht ist es genau der Abneigung geschuldet, ganz sicher aber auch der Herausvorderung von ein paar Fotobuddies, dass ich vor einiger Zeit eine schwarz weiß Challenge gestartet habe. Angefangen hat das damit, dass ich eine kleine Fuji in meinem Regal gesehen habe, eine XF10 und mir dachte, dass ich diese mal nutzen könnte. Einfach mal ausprobieren wie sich eine kleine Kamera auf der Straße im vergleich zu meiner großen Kamera anfühlt. Normalerweise bin ich ja mit der XH2 unterwegs und auch etwas größeren Linsen. Jedenfalls war mein erster Gedanke die XF10 direkt auf schwarz-weiß zu stellen. Das macht es für mich zur doppelten Challenge.
Gelernt hab ich dadurch einiges über mich selbst und noch viel mehr über meine Fotografie. Disruption hilft halt einfach, hier sogar im doppelten Sinn. Von der Challenge ist mittlerweile nur noch die Schwarzweiß-Herausforderung übrig. Was mit der XF10 sonst noch so ging, schreibe ich ein anderes Mal.
Schwarzweiß als Werkzeug, um Licht zu lesen
Das hier ist kein neues Learning, eher eine Bestätigung von etwas, das ich schon lange mache: Ich stelle die Kamera auf Schwarzweiß, wenn ich Licht sehen will. Ohne Farbe bleibt nicht mehr viel übrig. Hell, dunkel, Kante, Verlauf. Das rote Fahrrad ist plötzlich nur noch ein dunkler Fleck. Der Sonnenstreifen an der Hauswand ist plötzlich das lauteste im ganzen Bild. Farbe zieht Aufmerksamkeit, sie kann ein mittelmäßiges Bild interessant aussehen lassen. Schwarzweiß nimmt dir diesen Rettungsanker weg.
Und genau deshalb funktioniert es so gut als Übung. Wenn ich anfange, in Hell und Dunkel zu denken, fange ich an, Kompositionen aus Licht und Schatten zu bauen statt sie zufällig zu finden. Für mich eines der wichtigsten Werkzeuge überhaupt. Massiv habe ich das in der Portrait-Photography praktiziert. Die Lichtverläufe auf der Haut wirklich zu sehen ist Gold wert. Hier habe ich das erste mal einen krassen Überraschungsmoment gehabt bei dem ich in schwarzweiss fotografiert habe und dann das Profil zu Farbe gewechselt habe, das Farbbild war direkt wesentlich besser, einfach weil ich mehr auf das Licht geachtet habe und dieses eben perfekt gemacht habe. Ich habe in Farbe gedacht und mich durch das Fotografieren in schwarz-weiß dann nur auf das Licht konzentriert.
In meinen Workshops gebe ich das immer wieder mit. Denn es hilft auch für andere Fotografie Genres. Licht lesen ist und bleibt einfach einer der wichtigsten Skills in der Fotografie. Einfach mal für eine Stunde die Kamera auf Monochrom stellen und schauen, was übrig bleibt. Es verändert sofort, wo du hinguckst.
Portraits in Schwarzweiß, ohne Netz
Dann kam neulich ein Portrait Walk in Frankfurt, organisiert von meinem guten Freund Cengiz Onat. Und ich hab mich zum ersten Mal direkt ins kalte Wasser geworfen: XH2 auf Schwarzweiß, Portraits, fertig. Keine Konvertierung zurück zur Farbe, keine Bearbeitung danach. Die Bilder gingen alle so raus, wie sie entstanden sind. Auch jemanden, den ich vorher nicht gut kannte.
Da war es dann, das Unbehagen. Kein Regler zwischen mir und dem Ergebnis. Keine Nacht drüber schlafen. Kein „ich schick's dir morgen, wenn ich nochmal drübergegangen bin“. Was ich gesehen habe, war exakt das, was sie bekommen hat.
Und ehrlich: Ich hab's mir trotzdem leichter gemacht, als es klingt. Ein freier Walk ist ja genau der Rahmen, in dem Experimentieren erlaubt ist. Da erwartet niemand ein fertiges Ergebnis. Ich hab mir also einen Raum gesucht, in dem das Risiko klein war, und mich darin dann mutig gefühlt. So läuft das bei mir öfter, als ich zugeben will.
Was dann passiert ist, hat mich trotzdem umgehauen. Es macht unfassbar viel Spaß, über harte Schwarzweiß-Formen zu arbeiten. Die Person und die urbane Umgebung greifen viel direkter ineinander, wenn du sie auf Flächen und Kanten runterbrichst. Eine Schulterlinie gegen eine Fassade. Ein Gesicht im Lichtschacht zwischen zwei Häusern. Das hat eine Härte, die ich in Farbe so nicht hinkriege.
Was ich dabei unterschätzt hab: der Hintergrund. In Schwarzweiß musst du deutlich genauer hinschauen, damit Model und Hintergrund sich nicht gegenseitig verschlucken. In Farbe trennt sich das oft von selbst. Eine Jacke hat einen anderen Ton als die Wand dahinter, fertig. Nimm die Farbe weg und beides ist einfach mittelgrau. Dann steht dein Model in der Wand statt davor.
Mehr Aufwand beim Sehen, aber wenn es sitzt, sitzt es richtig.
Konvertieren funktioniert für mich nicht
Konvertieren und ich, das wird nichts. Ich hab damit gespielt, Farbe nach Schwarzweiß und Schwarzweiß nach Farbe. Manchmal klappt es, Meistens nicht. An der Technik liegt es nicht. Das Ergebnis sieht oft sogar richtig gut aus. Und trotzdem fehlt was.
Ich schaue mir ein konvertiertes Bild an und komme nicht mehr rein. Der Moment ist noch da, ich sehe ihn, ich kann ihn beschreiben. Aber ich stehe davor wie jemand, der die Geschichte nur erzählt bekommt. Als würde ich jemandem beim Erzählen zuhören, der nicht dabei war.
Die eine Ausnahme hab ich weiter oben schon beschrieben: beim Licht-Training funktioniert der Wechsel. Aber da geht es ja auch nicht um das fertige Bild, sondern um die Übung.
Vielleicht liegt's daran, dass die Entscheidung viel früher fällt als am Rechner: beim Sehen. Wenn ich Acros drauf habe, sehe ich anders. Ich suche Kontrast, Licht, Kanten, wo die Sonne eine harte Linie auf den Boden legt, wo eine Silhouette aus dem Grau kippt. Mit Nostalgic Negative suche ich Farbe. Das rote Shirt vor der grauen Wand, das warme Licht in einem Fenster.
Zwei völlig verschiedene Arten, durch dieselbe Straße zu laufen. Wenn ich das hinterher umdrehe, drehe ich nicht das Bild um. Ich drehe die Entscheidung um, die ich beim Auslösen getroffen habe. Und die war ehrlich. Also bleibt bei mir alles so, wie es aus der Kamera kommt. Wenn Konvertieren bei dir funktioniert, dann ist das völlig in Ordnung. Ich bin da niemandem was schuldig und du auch nicht. Und genau darum ist die Challenge eine: Ich muss mich entscheiden, bevor ich das Bild habe. Nicht danach.
Was bleibt
Und dann sitze ich heute hier, vor einem Stapel Prints. Schwarzweiß, meine Favoriten aus der Challenge und ich liebe sie. Damit hab ich am wenigsten gerechnet. Nicht, dass ein paar gute Bilder dabei rumkommen, sondern dass ausgerechnet die Bilder, die mir am leichtesten gefallen sind, die sind, die ich am Ende auf Papier haben wollte. Schwarzweiß wird vermutlich trotzdem nie mein Zuhause.
Ich weiß jetzt, dass mein Problem nie das Schwarzweiß war. Es war die Leichtigkeit. Und die Überzeugung, dass etwas nur zählt, wenn ich mich daran abgearbeitet habe. Ein Bild wird nicht besser, weil ich länger davor gesessen habe. Ein Workshop wird nicht wertvoller, weil er sich anstrengend angefühlt hat.
Manchmal läuft es einfach. Und dann ist es trotzdem gut. Der Beweis liegt gerade vor mir auf dem Tisch. Das schreibe ich hier hin und werde es mir vermutlich noch hundertmal selbst sagen müssen.
Was ich dir mitgeben will, falls du selbst mal umschaltest: Stell die Kamera für eine Stunde auf Monochrom, wenn du Licht sehen lernen willst. Nicht um Schwarzweißbilder zu machen, sondern um zu sehen, was ohne Farbe übrig bleibt. Achte bei Portraits doppelt auf den Hintergrund, sonst verschluckt er dir dein Model. Und entscheide dich vorher, nicht am Rechner. Die ehrlichste Version eines Bildes ist meistens die, die du schon beim Auslösen gemeint hast.
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