07.04.2026

Spiegelbilder aus Beton: 6 Lektionen, die mir die Street Photography über das Leben beigebracht hat – Teil 1 von 2

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Street Photography ist für mich weit mehr als der Moment, in dem der Verschluss meiner Kamera klackt. Wenn ich ehrlich bin, ist die Kamera oft nur der Vorwand, um überhaupt erst richtig hinzuschauen. Sie ist ein Spiegel. Einer, der mir gnadenlos zeigt, wie ich die Welt gerade sehe – und damit auch, wie es in mir drin aussieht.

Ein Moment am Frankfurt Fernbahnhof mit Rolltreppen

Gerade heute habe ich im Podcast von Curse „Meditation, Coaching & Life“ eine Zeile gehört, welche zu 100 % auf mich und meine Fotografie zutrifft. Curse sprach darüber, mit welcher Technik Meditation beginnen kann, und einer der Wege startet mit dem Fokussieren. Zum Beispiel den Fokus auf einen Stein oder ein Mantra, den Atem oder was auch immer richten. Das ist die Praktik der Achtsamkeit. Als ich das hörte und verarbeitet hatte, wusste ich sofort, was die Kamera für mich ist: Sie ist dieser Stein, auf den ich meinen Fokus richte, um die Welt leiser und meine Gedanken präziser zu machen.

Für mich geht es nicht um den einen „perfekten“ Shot nach Schema F. Es geht darum, anwesend zu sein. In der Lücke zwischen Beton und Bewegung, zwischen dem absoluten Zufall und meiner eigenen Absicht. Wenn du stundenlang durch die Gassen ziehst, lernst du Dinge, die dir kein Lehrbuch und kein YouTube-Tutorial vorkauen kann. Du lernst etwas über die Menschen, über die Zeit und vor allem ganz, ganz viel über dich selbst.

Ich habe versucht, das Ganze zu kategorisieren – weil Menschen so was eben gern machen. Dabei sind die folgenden Punkte entstanden:

  • EINS – Input, Inspiration, Intuition und Ich.
  • ZWEI – Das innere Kind.
  • DREI – Im Flow.
  • VIER – Innerer Friede.
  • FÜNF – Dankbarkeit.
  • SECHS – Kaizen & Wabi-Sabi.

Dies ist Post 1 von 2 und behandelt die ersten drei Themen.

EINS – Input, Inspiration, Intuition und Ich

Inspiration ist ein verdammt unberechenbares Wesen. Sie kommt nicht auf Knopfdruck, sie lässt sich nicht in einen Terminkalender pressen. Oft fragen mich Leute, woher ich meine Motivation nehme. Ich glaube, es ist eine Mischung aus Vorbereitung und einem Funken Magie. Und oft ist es nicht mal mehr Motivation, sondern einfach nur der Wunsch, mal rauszukommen. Street Photography hat viel mit Glauben zu tun – dem Glauben daran, dass die Straße dir ein Bild „schenkt“, dem Glauben, Inspiration und Motivation im Machen zu finden. Je nachdem, wie ich drauf bin, klappt das natürlich mal mehr, mal weniger gut. Und das bringt uns zu einem wichtigen Thema.

Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist. Wir sehen sie, wie wir uns gerade fühlen. Wenn ich einen schlechten Tag habe, sehe ich Melancholie. Wenn ich gut drauf bin, sehe ich Lichtspiele. An schlechten Tagen bin ich oft sehr verkopft, dadurch fällt es mir extrem schwer, in den Flow zu kommen bzw. überhaupt etwas zu sehen. Eine der besten Chancen, das zu lösen, ist die Fotografie. Am wichtigsten ist aber, sich dessen bewusst zu werden. Durch das Bewusstsein über meinen eigenen Status werden auch meine Motive besser geleitet. Meine Wahrnehmung passt sich an – oder zumindest kann ich sie dann von der „negativen“ Interpretation zu wirklicher Wahrnehmung lenken.

Wahrnehmung ist generell ein wichtiges Thema für mich. Wir Menschen sind verdammt gut im Interpretieren, aber richtig schlecht im Wahrnehmen. Wir müssen lernen, zwischen reiner Wahrnehmung und unserer ständigen Interpretation besser zu unterscheiden. Jede Beobachtung braucht Kontext. Aber wir neigen dazu, die Lücken mit unseren eigenen Vorurteilen zu füllen, anstatt das Gesehene einfach existieren zu lassen.

Und genau hier kommt der Input ins Spiel. Du weißt schon: Wer Rot im Kopf hat, wird extrem viele rote Dinge sehen. Das lässt sich übrigens auf vermutlich jeden Input anwenden. Das Gehirn findet, was wir suchen – manchmal sogar, obwohl es gar nicht da ist. Gewitter im Kopf und negative Gedanken führen meist dazu, dass um mich herum alles kacke ist. Es ist aber nicht kacke, weil es so ist, sondern weil ich innerlich einfach richtig schlecht gelaunt bin. Und das ist nicht so trivial, wie es sich liest. Diese Gedanken projiziere ich auch gern mal, und auf einmal wirkt ein Mensch, der eigentlich total nett ist, bedrohlich. Es gibt also zwei Dinge zu tun: Erstens die eigenen Gedanken in den Griff bekommen und zweitens das Ganze durch Formen von Input zu unterbrechen, die mir Freude bereiten. Wenn ich mich auf etwas Tolles fokussiere und die Freude wiederfinde, ändert sich auch mein Blick.

Daher meine Regel: Wenn du dein Gehirn nur mit Negativem und digitalem Fast Food fütterst – diesem endlosen, flachen Scrollen durch Instagram-Feeds, Binge-Watching ohne wirklich zu schauen oder andere Formen von blindem Konsum –, dann wird dein Output auch nur „Low Quality“ sein. Das ist wie billiges Junkfood. Mit der Ausnahme vielleicht, wenn ich mir Bilder auf Instagram wirklich anschaue, anstatt nur zu scrollen. Echte Inspiration braucht Qualität und Achtsamkeit. Ein gut gedrucktes Fotobuch, ein tiefsinniger Song, die Lichtstimmung in einem alten Ölgemälde oder schlicht das Beobachten von Regen, der in eine Pfütze klatscht. Dieser „High Quality Input“ – langsam, analog, fordernd – bildet das Netzwerk in deinem Kopf, aus dem sich später deine Intuition speist.

ZWEI – Das innere Kind

Erwachsenwerden nervt! Erwachsensein erst recht. Aber natürlich geht es hier um eine bestimmte Definition von Erwachsensein. Eine Definition, welche allerdings nicht nur mir, sondern den meisten von uns innewohnt. Es geht darum, kindliches Verhalten abzutun. Nicht erst, seit ich ein eigenes Kind habe, hinterfrage ich diese Definition des Erwachsenseins. Mein Kopf drückt mich immer wieder da rein, aber ich wehre mich dagegen. Es ist sicherlich auch was Gutes daran, das will ich nicht bestreiten, doch will diese Definition etwas auslöschen, was für uns als Menschen enorm wichtig ist. Ich nenne es mal: Spiel, Spaß und Spannung.

Beim Thema Interpretation und Wahrnehmung fällt mir immer mein Junior ein. Ich beobachte ihn oft und bin jedes Mal aufs Neue fasziniert: Er schaut nicht nur, er sieht. Er bewertet nicht sofort. Er stempelt nicht ab. Er ist neugierig und untersucht, entdeckt. Ein Mensch mit einer Sonnenbrille im Supermarkt ist kein „Stranger“ oder gar seltsam, sondern einfach ein Mensch mit einer Sonnenbrille. Schaut allein mal darauf, wie Kinder Freundschaften schließen oder überhaupt miteinander kommunizieren. Es ist so einfach, dass es für mich als Erwachsenen im Kopf schmerzt. Für mich ist es fast undenkbar, einfach zu jemand Fremdem zu gehen und zu sagen: „Deine Sandschaufel ist aber schön, ich hab die gleiche, wollen wir Freunde sein?“

Wann hast du das letzte Mal, frei von Interpretation, etwas gesehen? Wann bist du das letzte Mal mit der Leichtigkeit eines Kindes nach draußen gegangen? Mit dem Wunsch, die Welt zu entdecken?

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich interpretiere immer. Das ist okay und liegt natürlich an den vielen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Mein Gehirn hat viel mehr Relationen gebaut, viel mehr Kategorien und Schubladen, in die ich was stecken kann, um mit der Welt besser klarzukommen. Ich habe verlernt, die kindliche Offenheit zuzulassen. Ich habe Angst davor, was andere denken könnten. Ich mache mir einen Kopf, wie ich wirke oder ob mein Bild „künstlerisch wertvoll“ ist. Ich zerdenke alles. Nicht weil ich es will – es passiert einfach. Das führt dazu, dass ich oft eine Entdeckung im Keim der Bewertung ersticke.

„Sei wie ein Kind“ bedeutet für mich, diese vielen Kategorien, Schubladen und Relationen aufzubrechen. Es bedeutet, wieder wahrzunehmen, anstatt zu interpretieren und einzuordnen. In der Fotografie heißt das für mich: Lauf rum, entdecke, mach Fehler, fall hin und steh wieder auf, begegne Fremden mit Interesse, lass etwas passieren und mache etwas, einfach nur, weil es gemacht werden will. Kinder machen sich keine Sorgen um das Ergebnis – sie genießen das Machen. Wenn wir diese Angst vor dem Urteil anderer ablegen, öffnet sich der Blick für das Wesentliche. Plötzlich siehst du wieder diese kleinen, flüchtigen Gesten, die in unserer Routine normalerweise untergehen. Es kostet Energie, diese Filter bewusst auszuschalten und sich der Überforderung des Sehens hinzugeben. Aber genau in diesem Moment, in dem du nicht mehr interpretierst, sondern nur noch wahrnimmst, passiert das echte Wachstum.

DREI – Der Flow: Wenn die Zeit die Form verliert

Es gibt diesen einen Zustand, nach dem wir alle suchen, auch wenn wir ihn vielleicht anders nennen. Der Moment, in dem der Kopf still wird. Dein Körper reagiert intuitiv auf das Licht, auf die Bewegung, auf den Rhythmus der Stadt. Du bist kein fremder Beobachter mehr, sondern ein Teil der Straße. Das ist Flow. Über Flow gibt es zahlreiche Bücher, Artikel und alle möglichen anderen Publikationen. Ein Zustand, in dem wir am liebsten immer wären. Ich sag mal so: Gamer kannten Flow schon, bevor es überhaupt „fame“ wurde. Huch, ich seh die Sonne… In meiner Jugend habe ich wirklich oft die Zeit im Spiel vergessen. Aber nicht nur mit Bildschirm-Games, das geht auch total gut mit Brettspielen oder anderem. Die Zeit löst sich auf. Ob du nun zehn Minuten oder drei Stunden unterwegs warst, spielt keine Rolle mehr. Dieser Zustand ist kein Zufall, er ist die Belohnung für radikale Präsenz. Was hier passiert, ist das völlige Abtauchen in eine Tätigkeit. Auf der Arbeit bezeichnen wir Programmierer das als „Tunnel“. Ein Zustand höchster Konzentration bzw. Fokussierung.

Die Frage, die uns aber alle beschäftigt, ist: Wie erreiche ich diesen Zustand eigentlich?

Die Beantwortung dieser Frage ist sehr subjektiv. Ich würde es für mich mal wie folgt versuchen, da es auch nicht immer klappt oder so einfach ist: „Ich erreiche Flow, wenn ich Freude an etwas empfinde und mein Kopf sich vollständig darauf konzentrieren darf.“ Das liest sich jetzt erst mal einfach, ist aber für einen so angespannten und verkopften Menschen wie mich wirklich nicht so easy. Ich nutze hier insbesondere gern die oben erwähnte Praxis der Achtsamkeit als Start, aber glaub nicht, dass es wirklich immer klappt. Am Ende passiert es, wenn Inspiration, Neugier, Freude und Gelassenheit ineinandergreifen.

Wenn das passiert, fühlt es sich an wie Magie. Ich werde komplett durch meine Intuition geleitet. Ich fühle den Moment, spüre alles und weiß, wann ich auslösen muss, noch bevor der Verstand es begriffen hat.

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